Fotografie in der Diskussion: Fotokunst?

In der Beitragsreihe „Fotografie in der Diskussion“ (Teil 1 mit diesem Beitrag) möchte ich verschiedene Themen unter Zuhilfenahme von Literatur und sonstigen Informationsquellen ansprechen, die mich in meiner künstlerischen Entwicklung derzeit beschäftigen.

Was ist die Fotografie heute und wo bleibt die Fotokunst?

Mit der Entwicklung der Digitalfotografie und der mittlerweile erschwinglichen Fotoausrüstung wächst die Zahl der Fotografen. Nicht zuletzt auch Dank des technischen Fortschritts von Mobilgeräten, die früher einmal ausschließlich zum Telefonieren eingesetzt wurden, scheint sich zum Fotografen fast jeder berufen. Im Handumdrehen werden Farbfilter angewendet, Fotos im Internet gepostet und Likes gesammelt.
Neben diesem Trend gibt es Diejenigen, die die Fotografie als eine Kunstform und als Medium des eigenen Ausdrucks wahrnehmen. Ein Fotokünstler spiegelt sich in seinen Fotografien wider – was er empfindet, was ihn beschäftigt, was ihm etwas bedeutet. Sie beschäftigen sich intensiv mit ihrer Bildsprache, die ganz allgemein als „den Umgang mit fotografischen Themen“, als den „eigenen Blick auf die Welt“ und „eine Haltung zur Fotografie“ bezeichnet wird [1]. Demnach ist das Geheimnis einer Fotografie weit mehr als ein reines Schönheitsempfinden (= streng formal und ästhetisch, wie in der „akademischen Kunst“ [2]); sie verweist auf einen tieferen Sinn.

Fotografie ist sowohl Handwerk als auch Kunstform. Der Übergang ist fließend, da selbst die Kunst die Beherrschung der Technik voraussetzt, wenngleich der Fotokünstler die technische Perfektion im Sinne eines künstlerischen Ausdrucks ggf. bewusst ignoriert.
Blickt man auf die historische Entwicklung der Fotokunst zurück, war die Anerkennung der Fotografie als Kunstform ein andauernder Prozess. Im Gegensatz zur Malerei ist die Fotografie „[…] das unpersönlichere Medium, sie berichtet weniger vom künstlerischen Individuum als von der Welt“ [3]. Manche Fotokünstler mussten daher um den verdienten Respekt in Künstlerkreisen buchstäblich kämpfen. Saul Leiter, amerikanischer Fotokünstler und Maler 1923-2013, sah die Ignoranz seiner Kunst eher als ein Privileg an. Seine fotografische Arbeit wurde somit erst spät entdeckt. Die Buchautorin Meike Fischer sieht gerade in seinen Werken eine besondere Qualität, da er durch seine Bilder die Welt auf eine spezielle Art zeigt [1]. Seine Faszination für den Realismus könnte auf die zu seiner Zeit aufkommende Revolution der Farbfotografie zurückgeführt werden, in der selbst die reine Anwendung der Fototechnik bereits eine Besonderheit darstellte. Davon abgesehen erkennt man in den Werken von Saul Leiter sein überzeugendes fotografisches Auge; gesättigte Farben, hohen Kontrast, die Mystik der Dinge, wie z.B. in den Aufnahmen Taxi (1957) und Man in Straw Hat (1955) [4, 5].
Die Erfolgsgeschichte von Saul Leiter macht von dem Zwang frei, sich sämtlichen Trends der digitalen Fototechnik hingeben zu müssen und motiviert noch deutlicher, sich auf das Wesen der Fotografie zu besinnen und auf das eigene fotografische Auge zu konzentrieren.

Kunst durch Fotografie zu schaffen, ist damit nicht ganz leicht; zum Einen aus dem Grund, dass Fotografien Massenprodukte geworden sind, zum Anderen weil die Kreativität des Fotokünstlers anders gefordert wird als bei anderen Kunstformen, die nicht an die Realität gebunden sind. Um so wichtiger ist der fotografische Ausdruck geworden. Selbst gelernte Fotokünstler brauchen oft Jahrzehnte, um ihre künstlerische Handschrift in der Fotografie zu finden. Also: Nicht verzagen!

Anmerkung: Ich unterscheide die Begriffe „Fotograf“ (= technisch versierter Anwender der Fototechnik, dem die ästhetische Darstellung von großer Bedeutung ist; in diesem Fall betrifft dies gelernte Fotografen, die Auftragsarbeiten in den klassischen Fotogenres bearbeiten, sowie Fotografien von Amateuren, die vor allem durch Fachliteratur und Workshops allgemeine technische Regeln lernen) und „Fotokünstler“ (= Personen, die die Fototechnik beherrschen aber hier nicht ihre Priorität sehen sondern in einem tieferen Sinn; sie arbeiten frei und künstlerisch und damit nicht auftragsbezogen; damit könnte dieser Begriff auch Autodidakten (ohne künstlerische Ausbildung) einschließen, die an ihrem künstlerischen Ausdruck noch arbeiten). Damit kann ein Fotokünstler ebenso ein Amateur sein wie ein Fotograf. Diese Aufteilung ist somit keine Wertung der Qualität sondern eine Unterscheidung nach Intention.

Referenzen
[1] Meike Fischer (2015). Der Rote Faden. dpunkt.verlag  GmbH. ISBN 978-3-86490-205-5.
[2] Galerie Zimmermann & Heitmann GmbH (2015).  Akademischer Kunststil – strenge Regeln und  ästhetizistische Kunst. http://www.zimmermann-heitmann.de/blog/kunst/
[3] Georg-W. Költzsch und Heinz Liesbock (1992).  Edward Hopper und die Fotografie: Die Wahrheit des  Sichtbaren. Museum Folkwang Essen. DuMont  Verlag. ISBN 3-7701-3117-7.
[4] Saul Leiter (2006). Early Color. Steidl Verlag. ISBN  978-3-86521-139-2.
[5] Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn (2012). Saul  Leiter: Retrospektive. Deichtorhallen Hamburg.  Kehrer Verlag. ISBN 978-3-86828-258-0.

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