Fotografie in der Diskussion: Lernen von den Besten

In der Beitragsreihe „Fotografie in der Diskussion“ (Teil 2 mit diesem Beitrag) möchte ich verschiedene Themen unter Zuhilfenahme von Literatur und sonstigen Informationsquellen ansprechen, die mich in meiner künstlerischen Entwicklung derzeit beschäftigen. Teil 1 thematisiert Trends und die Balance von Handwerk und Kunst in der Fotografie.

Wie machen es die berühmten Künstler? Realismus. Minimalismus. Abstraktion.

Fotografie ist so wie jede visuelle Kunst eine nonverbale Sprache zwischen Betrachter und Fotokünstler [1]. (Details zur Begrifflichkeit in Teil 1 der BeitragsreiheDamit stellt sich vor allem die Frage: Wie erreicht man es, die Gefühle und Gedanken auf den Betrachter zu übertragen? Kommentare zu den Werken bekannter Künstler können helfen diese Frage zu ergründen und damit eine Einschätzung zu erhalten, in welche Kunststile man das Wesen der eigenen Fotografie einordnen könne. „Das Licht und die kompositorischen Beziehungen sind die Mittel der Wahl, die der kreative, fantasievolle und bewusste Fotograf einsetzt, um seine Botschaft zu vermitteln“ [1].

Besonders zu Beginn der Fotokunst war eine der gegenständlichen Welt verpflichtete Bildkunst besonders verbreitet. In der Malerei galt die Darstellung der sichtbaren Welt bereits als „historisch überholt“ [2]. Heute als „bedeutend“ bezeichnete Künstler konnten dennoch mit ihrer Hingabe zum Realismus künstlerischen Erfolg verzeichnen. Diesen erreichten sie vermutlich vorrangig durch den tieferen Sinn in ihren realistischen Bildern, welcher weit über das reine Abbild hinausgeht, einen Sinn, der sich – meist sozial- oder gesellschaftskritisch – vielleicht auch erst mit der Bildung des Gesamtwerks heute vollständig erschließen lässt. In einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten der Bildverfremdung, ist der Realismus in der Fotokunst noch immer stark vertreten, aber auch Minimalismus und Abstraktion finden ihren Platz.

Einen minimalistischen Kunststil lässt sich bei vielen Künstlern feststellen, zumindest für einen beschränkten Zeitraum im Laufe ihrer Karriere. Paul Strand, amerikanischer Fotokünstler 1890-1976, hat sich z.B. mit Wire Wheel (1920) der Abstraktion durch die ausschnitthafte Nahaufnahme hingegeben, die für den Betrachter eine Illusion des Gegenstandes bedeutet. Selbst Personen sind in seinen Aufnahmen abstrakte Elemente, wie in dem Werk Wall Street (1915), in dem er die physikalische Bewegung von Personen durch abstrakte Flecken und Formen ausdrückt [3]. Auch Joel Meyerowitz, ein amerikanischer Fotokünstler der Gegenwart, der vor allem für die Street-Fotografie bekannt ist, zeigt in den Aufnahmen Cape Light [4] minimalistische Ansätze: die dezente Farbgebung in Bay/Sky, Morning, Provincetown und der große Leerraum durch die sehr niedrig angeordnete Horizontlinie in Cold Storage Beach, Truro (1976). Damit sind bereits zwei Stilmittel des Minimalismus genannt, welcher insgesamt durch folgende Aspekte charakterisiert ist: (1) Klare Bildkomposition nach ästhetischen Regeln, (2) Ausschluss von unnötigen Bildelementen und Konzentration auf das Hauptmotiv, (3) Reduktion von Farben und Tonwerten oder Blickfang durch starke Farben und Kontraste, (4) Betonung einfacher geometrischer Formen und Linien, und (5) Einsatz leerer bzw. negativer Bildbereiche, um die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Hauptmotiv zu lenken [5, 6]. (siehe auch Beitrag Minimalistische Fotografie) Auch Götz Diergarten, ein deutscher Fotokünstler der Gegenwart und ehemaliger Schüler von Bernd Becher, wird zu den Persönlichkeiten der Abstraktion und minimalistischen Kunst gezählt [7]. Nach heutigem Verständnis des Minimalismus liegt der Anspruch eines thematischen Inhalts nicht zwingend vor [6]. Dennoch erklären z.B. die berühmten Künstler Paul Strand und Joel Meyerowitz, wie wichtig es Ihnen ist, Gefühle und Gedanken zu transportieren.
Der Minimalismus kann bis in ein Extrem der Abstraktion führen, wie z.B. in Drehender Schornstein (1980) [1] von Bruce Barnbaum, einem amerikanischen Fotografen und Fotokünstler der Gegenwart, in dem die Gesteinsschlucht Antelope Canyon metaphorisch für ein Kraftfeld steht. Fotokünstler wie Stefan Heyne und Michael Wesley [7] abstrahieren ihre Fotografien so stark, dass sie maximal über den Bildtitel Rückschlüsse auf den Ort oder das Objekt zulassen.

Am Schluss sind es die Betrachter, die in der minimalistischen Kunst über das Sichtbare und Unsichtbare entscheiden.

Referenzen
[1] Bruce Barnbaum (2015). Essenz der Fotografie. dpunkt.verlag GmbH. ISBN 978-1-937538-51-4.
[2] Georg-W. Költzsch und Heinz Liesbock (1992). Edward Hopper und die Fotografie: Die Wahrheit des Sichtbaren. Museum Folkwang Essen. DuMont Verlag. ISBN 3-7701-3117-7.
[3] Paul Strand (1976). Sixty Years of Photographs. Fraser Verlag. 0-900406-81-X.
[4] Joel Meyerowitz (2002). Cape Light – Color photographs by Joel Meyerowitz. Museum of Fine  Arts. ISBN 0-8212-2795-5.
[5] Michael Freeman (2010). Die fotografische Idee: Bildkomposition und Aussage. Markt+Technik Verlag. ISBN 978-3-8272-4683-7.
[6] Lomography Magazin (2012). In 10 Schritten zu tollen minimalistischen Fotografien. http://www.lomography.de/magazine/
[7] Ralf Hanselle (2009). Abstrakte Fotografie – Neue Sehgewohnheiten in der Fotokunst. Junge Kunst Nr. 78.  31-33.

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