Fotografie in der Diskussion: Personen in Bildern

In der Beitragsreihe „Fotografie in der Diskussion“ (Teil 3 mit diesem Beitrag) möchte ich verschiedene Themen unter Zuhilfenahme von Literatur und sonstigen Informationsquellen ansprechen, die mich in meiner künstlerischen Entwicklung derzeit beschäftigen. Teil 1 thematisiert Trends und die Balance von Handwerk und Kunst in der Fotografie. In Teil 2 geht es um Kunstrichtungen und -stile, wie Realismus, Minimalismus und Abstraktion.

Welche Bedeutung haben Personen in Kunstwerken?

Sind Bewegung, Dynamik und Emotion wirklich ausschließlich an die Abbildung von Menschen gebunden? Das Kunstwerk Nighthawks (1942) von Edward Hopper, dem amerikanischen Maler des Realismus 1882-1967, und die zugehörigen Texte der Autorin Eva Schmidt zeigen, dass die Phantasie des Betrachters durch die Akteure durchaus angeregt wird. Man ist versucht, die entwickelten Theorien stets mit der Emotionen in den Gesichtern der Personen abzugleichen [1]. Es erleichtert damit dem Betrachter, dem grundlegenden Gefühl in den Werken auf den Grund zu gehen.

Eine besondere Kraft scheint aber ebenso von einer Menschenleere ausgehen zu können. Die Wirkung einer ruhigen Stimmung in den Aufnahmen wird durch die Menschenleere unterstützt. Götz Diergarten, ein deutscher Fotokünstler der Gegenwart und ehemaliger Schüler von Bernd Becher, verzichtet in seinen Fotografien auf die Abbildung von Personen und scheint somit seine Aussage der Entschleunigung zu transportieren [2]. Edward Hopper scheint auch ohne den Menschen durch eine wahrnehmbare Selbstbezogenheit der Dinge und der Natur – vor allem aus einer rein visuell-ästhetischen Intention heraus – den Menschen weder als Wirkung noch als abgebildete Gestalt in seinen Bildern zu benötigen [1]. Das zeigen Bilder wie z.B. Lighthouse Hill (1927) und Ryder’s House (1933). Die Kunstwerke sind m.E. dadurch nicht weniger beeindruckend.

Personen können aber auch die Macht besitzen, den Ausdruck in einer Fotografie zu kanalisieren. Dazu ist es nicht nötig, dass die Person das Hauptmotiv ist. Menschen können auch sehr effektiv als unterstützendes Beiwerk eingesetzt werden, kaum erkennbar, nur Silhouetten. So sind die Menschen in Wall Street (1915) von Paul Strand, dem amerikanischen Fotokünstler 1890-1976, Symbol der Fortbewegung der Menschenmassen auf der Straße [3]. In Los Angeles (1955/56) von Robert Frank, einem schweizerisch-amerikanischen Fotokünstler, Filmregisseur und Kameramann der Gegenwart, liegt der Fokus auf dem Leuchtpfeil an der Hauswand [1]. Die Person unten im Bild verstärkt zudem die Botschaft durch die gleichgerichtete Bewegung.

Beeindruckende und aussagekräftige Kunstwerke erfordern nicht zwingend die Anwesenheit der Menschen und ihrer Geschichten im Bild. Auch die Dinge und ihre besondere Komposition ermöglichen eine Aussagekraft.

Referenzen
[1] Georg-W. Költzsch und Heinz Liesbock (1992).  Edward Hopper und die Fotografie: Die Wahrheit des Sichtbaren. Museum Folkwang Essen. DuMont Verlag. ISBN 3-7701-3117-7.
[2] Ralf Hanselle (2009). Abstrakte Fotografie – Neue Sehgewohnheiten in der Fotokunst. Junge Kunst Nr. 78. 31-33.
[3] Paul Strand (1976). Sixty Years of Photographs. Fraser Verlag. 0-900406-81-X.

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s